Dienstag, 14. Juni 2011
Nützlichkeiten und der Verfall
Nützlichkeiten und der Verfall

Für Hermann Becker war es die ungeheuerlichste Grenzüberschreitung seines Lebens. Was geschehen war konnte er kaum in Worte fassen. Blass streckte sich das Astwerk eines Kirschbaums im Innenhof der Hofer Straße bis zum Himmel empor. Der eigentlich tote Baum trug blutrote Kirschen. Hermann Becker konnte sich das Wunder keineswegs erklären, ihm war nur bewusst, dass er langsam entgleiten würde, wenn er den Klang der Geschichte nicht zu befolgen erwäge, aber es sollte nicht seine Welt sein, die zerbrechen musste.
Die endlosen Berichterstattungen der Mutlosigkeit waren schon seit einigen Tagen nur noch verschwommenes Gesindel. Irgendetwas war im Begriff zu entstehen, wie ein Ertrag im satten Feld reifte die Demokratie. Ein schemenhaftes Gebilde wanderte am Himmel herum und legte sich schleichend über den Gipfeln der Braunkohle nieder. Wie die Geburt eines Neuankömmlings walzte dieser Nebel über Wald und Hof und überzog die Erde mit dem kühlen Film seiner Bestimmung. Im Westen und Osten standen Soldaten in Kasernen bereit. Sie hatten jahrzehntelang auf diesen Ernstfall hin geübt, hatten sich den so genannten Kriegswissenschaften versprochen. Alles würde man neu erbauen müssen. Die Niederkunft würde pflichtgetreu alles begraben und eine neue Menschenwürde auf dem Ruin der alten entstehen lassen. Allerdings war das alles nicht so erforderlich wie es einst von beengten Geistern ersonnen wurde, trübselig verblichen die alten Flaggen im zögernden aber keimenden Wind massenhafter Vernunft. An der stets beharrlich fallenden Schranke von West und Ost bahnte sich Licht einen Weg. Hermann Becker wurde von seiner Heimat verlassen und verirrte sich immer mehr in dem Geäst des kargen Kirschbaums. Sein Leben entschwand in den blattlosen Straßen seiner Vergangenheit. Sein unbeschreiblich maschinelles Wesen sollte sich noch früh genug gegen sein Gefühl durchsetzen.

Hermann Becker lebte in Leipzig. Eine hübsche Stadt ist das. Die Fassaden hatten sich etliche Jahre nach dem Tod seines Landes weitgehend erholt. Die meisten seiner vertrauten Genossen lagen entweder bedeckt von grün wohlig in der Erde oder hatten den Absprung in eine friedliche Welt bewältigt. Hermann Becker hatte das nie vollbracht. Frau und Kind liefen nach der Wende in den Westen und lebten in der Nähe von Bad Bentheim. Dem Kind nahm er es nicht übel, es war damals noch ein kleiner Zweig ohne Schwere, aber seine Frau hasste er aufrichtig für den jämmerlichen Verrat an ihrer Ehe. Sie hatte sich niemals über die Sonderzahlungen des Staates beschwert und hatte dadurch stets Dinge im Haus, die andere Frauen nicht im Haus hatten und nach dem Kollabieren des Staates lieferte sie ihre Seele gewissenhaft dem sättigenden Leben des Kapitalismus aus. Für Hermann Becker war das große Zerfallen seiner Zukunft vielschichtiger und nicht schnell begreiflich. Er hatte seine Waffe niedergelegt, aber dafür stritt er jetzt in seinem Kopf für die DDR oder vielleicht sogar dagegen. Er verlor seine Arbeit nach der Wende zügig und konnte noch einige Jahre als alternder Wachmann in der leeren Wunde von Plagwitz arbeiten, zwischen Altmetall und kläffenden Hunden vernebelte sich die Gestalt seiner Augen zu einem wässrigen Rinnsal ohne Halt im Leben. Erst kam der Alkohol und dann kamen seine eigentümlichen Dämonen, die er leise in seinem ertrinkenden Kopf züchtete. Er trank jeden Tag. In der Nähe der Hofer Straße kaufte er sich stets schlicht gekleidet seine Biere im kleinen Konsum, dessen Vielfalt er immer noch nicht verstand. Er war den Nachbarn bekannt, denn er war nicht geflüchtet, wie die meisten seiner wackeren Kollegen. Er hatte sich auch kein neues Leben zugelegt. Manchmal hatte es den Anschein, dass er immer noch für die rote Revolution bereitstand. An gewissen Tagen kam plötzlich sein achtbarer Gang wieder zum Vorschein, dann wirkte er prachtvoll und bedeutsam. Die Menschen machten ihm Platz und er spazierte von einem hellen Licht umzingelt durch die Straßen, um sich dadurch von dem üblichen Gesindel abzugrenzen. Es waren ewige Träume, die ihn jede Nacht in seinem fortwährenden Nebel heimsuchten. An warmen Tagen fragte er sich was seine noch lebenden Fachgenossen wohl machen und an verregneten wanderte er durch seine Erinnerungen und erschloss erneut die kleinen Zellen für das menschliche Fleisch mit seinen Augen. Er vernahm die stundenlangen Verhöre in den abgedunkelten Zimmern der staatlichen Freude. Man belog die, die man zu bewahren versuchte. Sein trister Schreibtisch lächelte ihn missfällig an, das Holz sah nach all den Jahren immer noch ansehnlich aus. Die kleine Schreibmaschine ratterte unaufhörlich, das alles war jetzt nur noch Museum. Es gab jetzt neue Weltmänner und die trugen andere Gewänder.
Hermann Becker hatte keinerlei Verbindung zur Gesellschaft. Er lebte in einem absonderlichen Korsett aus Wänden und seelenloser Einsamkeit. Er empfand es als nicht nötig Kontakt mit anderen Menschen zu pflegen. Ihm genügte die Rhetorik beim Einkaufen, zuweilen erachtete er selbst die als nutzlos und verschwenderisch. Hermann Beckers Leben war ein alleiniges, das geheim in den Räumlichkeiten seiner kleinlichen Wohnung umherspazierte. Häufig kauerte er benebelt an seinem kleinen Küchentisch und betrachtete Fotos aus einer unbefleckten Zeit. Er ergründete jeden Tag seine Tochter und das erste Lächeln ihres Daseins. Mit dem spärlichen Licht seiner demütigen Tischlampe erbat er Gott um ein Stück Verständnis für seine Fehltritte. Er fixierte sein Hochzeitsfoto und las die Widmung auf der Rückseite tausende Male, „In allen Zeiten verbunden durch Liebe und Licht“ stand da peinlich genau in exakt ausgewogenen Druckbuchstaben. So, als ob die Ehe fortwährend nur aus Liebe und Licht bestehen könnte, aber das kann sie gewiss nicht. Er prüfte das Foto seines Vaters, der trug Reichsadler und den stacheligen Totenkopf auf der Mütze und hielt den kleinen Hermann Becker auf seinem sicheren Schoß. Sein Vater sollte ihn noch wegen seiner roten Gesinnung verfluchen. Das Leben der Mutter war ein Rätsel voller Sühne. Sie hatte nach dem Krieg lange in Reudnitz gelebt und nach ihrem Tod nur einen leeren Balkon ohne geistvollen Schmuck hinterlassen. Es bleibt immer nur ein leerer Raum von einem verstorbenen Menschen zurück. Der Junge wuchs mit seinem Vater und den sechs Geschwistern auf. Hermann Beckers Vater war ein Reichstreuer, er war es unter Hitler und er war es auch unter Honecker. Die Sippschaft lebte in Möckern und beackerte dort am Rand der Stadt ein wenig Land und man hielt sich Vieh. Jeden Tag schlug der Vater die Kinder, auch ins Gesicht und mit strenger Faust. Hermann Becker nabelte sich am Tage seines 15. Geburtstags ab und zog in den Westen von Leipzig. Er lebte dort etliche Monate in der Amalienstraße. Frau Koch verhalf ihm zu seiner ersten eigenen Kammer. Dafür übernahm er umfassende Aufgaben und zahlreiche Besorgungen für die starrsinnige Frau.
An einem ergrauten 1. Juli wurde er zum Mann des Staates. Kluft und Gewehr standen ihm recht bekömmlich. Seine Bewegungen wurden prompt hochnäsig und aus einem unschuldigen Männlein wurde ein bösartiges Ding. Die ersten Dienstjahre waren trist und alles bezog sich auf die Nachbarschaft des Landes. Der Osten besänftigte seine bissige Politik genauso schlecht wie der Westen.

Während der ersten Zeit seines seelischen Verlustes entfloh Hermann Becker regelmäßig in die Auen und Wälder, die Leipzig gehässig belagern. Das ganze Grün dort war stets schwarz. Der Dunst der Verschmutzung kannte kein Erbarmen und dennoch erfuhr er nur dort notdürftig Zuneigung. Er schwatzte mit den Bäumen über seine Vereinsamung, Vögel schlenderten dabei über seinem Kopf und strichen ihm ab und an über das fettige Haar. Der Wind zappelte in den Auen umher und bewegte das Wasser durch seinen flüchtig sauren Atem, der nach Ruß und Brennmaterial roch. Hier wurde Hermann Becker zu einem absoluten Mitglied einer ungekünstelten Lust. Er sah sich in den Auen untergehen. Bedächtig zitterte er ins Kernstück der Erdbevölkerung hinein und traf dort auf altväterische Schemen. Hermann Becker war trotz seiner geschulten Arbeit kein glücklicher Mensch. Es war keinesfalls blumig die Nachbarn zu bespitzeln. Hermann Becker belauschte nicht selten nur die anspruchslosen Gespräche aufsässiger Sprösslinge. Selbst die Natur verkehrte in seinen Anmerkungen als eigensinniges Fabrikat kapitalistischen Wildwuchses. Bald vernahm er aus jedem Gebüsch verschlüsselte Botschaften des Klassenfeinds. Sein verblendeter Geisteszustand erschuf ein vorbildliches Denkmuster in seinem Bewusstsein.

Nach all den Jahren kauerte er häufig an seinem kleinen Fenster in der Hoferstraße und blickte schüchtern in ein mehr als zerstörtes Leben, das sich jetzt zwischen dem kleinen Konsummarkt und seiner Wohnung wie eine marode Fabrik aus seinem Andenken selbst abwickelte. Wäre das Amt nicht, hätte er sein Viertel keineswegs verlassen. Er brachte es sogar zustande in seiner verworrenen Einsamkeit Freunde zu finden. Er kommunizierte mit Töpfen und Marmeladengläsern. Er aß beharrlich mit demselben Besteck, das ihm warme Worte zurieseln ließ. Die Einsamkeit des Menschen bahnt der Verzweiflung einen breiten Pfad zum Sterben.
Trotz des grünen Innenhofs der Hofer Straße spähte Hermann Becker andauernd auf die nackte Forderseite der Häuser. Er lauerte dann bedachtsam hinter seinem gelblichen Schleier versteckt und widmete sich der sorgfältigen Reise über die mit Kopfsteinpflaster überzogene Straße. Nichts Dienliches, andauernd nur dieselben Aufzeichnungen. Seine Tage entschwanden so mit einer Fracht, die sich brachial in sein Leben gewütet hatte und einfach nicht resignieren wollte.
Eines Tages verwackelte sein Scharfblick und er beobachtete einen auffälligen Mann. Der Mann kam ihm bekannt vor. Seine Statur war dünn und sein Gesicht hager und die kantigen Wangenknochen fielen Hermann Becker sofort ins Auge. Die Haare waren schwarz und glatt pomadig nach hinten gekämmt. Unter seinem rechten Arm klemmte eine dunkle Ledermappe aus der ein weißes Blatt Papier schüchtern schielte.
Hermann Becker machte sich seine belangreiche Notiz mit Datum: unbekannter Mann, erstmalig gesichtet. Seine Hand zitterte scheinbar unausgeglichen als er die Notiz vermerkte, aber das tat sie nicht, er war wieder Zahnrad des Staates. Seine pedantische Anmerkung sollte sein Leben verändern. Täglich verweilte er nun stundenlang an dem Fenster seiner Wohnung und spähte auf die Straße. Selbst, wenn sich nichts tat erblickte er etwas in den Stirnseiten der gegenüberliegenden Häuser. Er beobachtete mehrfach entfesselte Vögel, die angesichts garstiger Katzen in die Lüfte emporstiegen, um zu leben. Der Winter fiel schneereich vom Himmel herab und ließ die Menschen durch seine Uhrgewalt in Demut in ihren Häusern ausharren. In der kahlen Jahreszeit entdeckte Hermann Becker seine ehemaligen Opfer.
Der Bäcker Horty stand vor Hermann Becker, immer noch klamm vor Schmerz. Hermann Becker hatte ihn bespitzelt und ohne jegliches Erwägen von Barmherzigkeit der Gewalt ausgeliefert. Horty hatte nichts verbrochen und dennoch grub Hermann Becker solange in dem Leben des Bäckers bis er eine banale Aussage im Rausch der Kirmes aus dem Gefasel des Bäckers aushob. Horty wurde ins Zuchthaus gesteckt und verlor darin sein Leben, obwohl er lebend entlassen wurde. Hermann Becker sah Martha Heinrich. Die Frau war schon längst verfallen und trotz allem zufällig auffällig genug gewesen, weil sie schon zu Hitlers Zeiten gegen das Diktat des Staates protestierte und das tat die eigensinnige Frau auch in dem erneuerten Diktat der Selbstherrlichkeit. Sie umgab sich bei Kaffeekränzchen mit wahrhaftigen Denkern. Hermann Becker brachte zahlreiche hinter Gitter, die für ihn keine Namen trugen. Allerdings hatte er es niemals gewagt in seiner eigenen Akte zu lesen. Da stand manches, das ihm nicht behagt hätte. Sein labiler Geist wurde darin wie ein Stück Fleisch seziert und man bescheinigte ihm lediglich die Geisteskraft eines ländlichen Handlangers. Nur wenig Tapferkeit sei in seinem Verstand festzustellen und seine Gesinnung wäre angenehm zu formen. Ein gewisser Mayor Breitenbach hatte seine Unterschrift unter die Akte gesetzt und damit ein weiteres Leben nachweisbar gebrandmarkt.

Hermann Becker ging heute einkaufen, ein wenig Genickschuss und ein versteinertes Brot, das zum halben Preis verhökert wurde. Das Geld war knapp und der Mai hatte noch eine Woche zu atmen. Er wackelte nach dem trostlosen Einkauf das kleine Stück vom Konsum zu seiner Eingangstür zurück, dabei umschloss er die Flasche Goldkrone mit treuer Hand und nahm noch auf der Straße einen traurigen Schluck daraus. Er stieß die Tür auf und pflanzte seinen schmerzenden Körper auf den klapprigen Stuhl in der Küche, der ihm als Andenken an ein besseres Leben geblieben war. Das verdreckte Glas der Jahre füllte sich mit dem Trank und er vergeudete seine Seele in dem versterbenden Darben seines Fehlurteils. Angetrunken fing er an eine ansehnliche rote Zwiebel von ihrer Haut zu entlasten. Das frische Hack stand schon bereit. Heute war sein Hochzeitstag. Er verbrachte ihn alleine in der toten Hülle seiner gekünstelten Gedanken. Hermann Becker hatte sich am anderen Ende seines Küchentisches ein Bild seiner Frau aufgestellt und wechselte ein paar niederträchtige Worte mit dem eingerahmten Bild, das sein karges Leben in treuem Holz gefangen hielt. Wieder ein starker Schluck aus der Flasche, ein paar Tränen und die bleibenden Fragen wandelten in seinem Schicksal umher. Die Hochzeit hatte Hermann Becker für mehrere Jahre gelindert und er ließ Aufzeichnungen über Menschen in seinem Kopf im eindrucksvollen Gestrüpp seiner Erinnerungen einfach verglimmen. Von seinem einstigen Glück war jetzt in der engen Küche nichts mehr übrig. Er hatte sein Kind nie aufwachsen sehen. Er durfte lediglich die ersten drei Jahre seines Erbes als Erzeuger begleiten. Danach barst alles in ihm. Er entbehrte den Mantel seines Landes und fing an sich in der Gosse zu verprassen. Jeden Tag hatte er trotz allem aus dem Fenster geschaut und auf die markante Gestalt seiner Frau gelauert. Nun legte er mit behutsamen Handgriffen ihre Kleidung zurecht und erinnerte sich einen momentlang an heitere Zeiten bevor er die Erinnerungsfetzen aus Stoff in die gesammelten Plastiktüten für die Altkleidersammlung quetschte. Hermann Beckers Frau war fein und eben zu fein für ihn, niemand verstand es wieso sie ausgerechnet Hermann Becker heiraten musste. Sein Leben geriet durch seine Frau in ein leidliches Ungleichgewicht, das ihn zu häufig und vor allem zu unbeherrscht empfinden ließ. Hermann Becker streckte sich in seinem Bett, die Augen nass, der Alkohol breitete hartherzig seinen schwermütigen Schirm über seinem Kopf aus. Ein ewig verstimmtes Signal aus seiner Vergangenheit holte ihn in dieser Nacht ein. Er wusste jetzt wieder wer der unbekannte Mann war. Die Bruchstücke seiner Gedanken setzten sich wie die Klippen eines schroffen Meeres zusammen. Er hatte diesen Mann schon einmal gesehen. Damals in Rambin war Hermann Becker noch nicht der harte Mensch gewesen, der er jetzt war. Er half Heinrich Meberg über einen Zaun, als sie sich in der Grundausbildung der NVA befanden. Meberg war fett und kam nicht über den Zaun, Stefan Becker wuchtete den fleischigen Meberg über den Draht und lahmte dann selber hinterher, weil er sich dabei das Handgelenk brach. Dieser Meberg wurde sein unvergänglicher Schatten, er wurde stetig aufdringlicher und fraß sich tief in das Leben von Stefan Becker hinein. Wie ein Geschwür hockte er in dem Fleisch von Hermann Becker. Nach dem Ableisten des Grundwehrdienstes gingen sie getrennte Wege, Hermann Becker ging wieder zurück nach Leipzig und Meberg verschwand in einem unberührten Sigel der geltenden Schöpfung. Jetzt war Meberg aus seinem schützenden Dickicht auferstanden und suchte seinen abgenutzten Komplizen von einst auf. Hermann Beckers Augen verkniffen sich die Tränen, die er diesem Mann zu verdanken hatte. Er war Meberg makellos ausgesetzt, denn dieser sollte eines Tages der Prinz des Politbüros werden. Hermann Becker befand sich wieder fest in der skelettartigen Klaue Mebergs obwohl der nur noch Zählerstände ablas. Die zittrigen Schemen Mebergs entfalteten in Hermann Beckers Gedächtnis, das Bildnis kaltblütigen Nachgeschmacks an den bedachtsamen Dienst für die Behörde. Was während der NVA harmlos in Hermann Becker keimte, wurde zu einem herben Geschäft voller Ehrlosigkeit von dem am Ende nur noch Erinnerungen voller Leid und Schwere zurückblieben.

Unerwartet stand Hermann Becker vor dem Völkerschlachtdenkmal. Er betrachtete den alles überblickenden Keil, der es sogar wagte die Wolken am Himmel zu zerschneiden. Er entfernte sich ein wenig und streifte durch die Gegend. Ein Bus durchkreuzte die Sicht auf den roten Stern der alten Messe. Die alte Messe war nur noch ein Gerippe leerer Betrachtungen. Von dem einstigen Treiben dort war nicht mehr viel zu erblicken. Einige Hallen wurden genutzt und andere lauerten immer noch jeden Tag auf menschliche Erfüllung. Hermann Becker wurzelte vor dem sowjetischen Pavillon und blickte in den roten Stern, der das Himmelreich mit seiner Farbe immer noch entflammte. Was hatte er zu erblicken erhofft? Welche Last trug sein Leben noch an diesem erschreckend brennenden Tag eines zukünftigen Sommers? Von dem gleißenden Licht dem Hermann Becker stets ergeben gewesen war ging keinerlei Erleuchtung mehr aus. Er ging weiter, zog an der russischen Gedächtniskirche vorbei und blickte in den grünen Friedenspark. Dort geisterten schwadronierende Soldaten mit ihren eisernen Seelen im zähen Erinnerungsvermögen der Menschheit umher. Er setzte sich auf eine Bank und betrachtete die Lunge der Welt. War es etwa so niederträchtig ein Leben mit Glück einzufordern, nur ein borniertes Stück davon? Hermann Beckers Fernsicht wurde durch den letzten abweisenden Regen des Frühlings getrübt. Ein nasser Hund erhob sich und schritt in sein warmes Obdach.

In den letzten Tagen des Monats ging Hermann Becker stets zur Tafel. Die Augen der Menschen berührten sich dort nicht sonderlich versöhnlich, es ging um die Nacktheit des Teufels, der seinen elenden Schatten über den Empfindungen ausbreitete. Hermann Becker trug die Beutel mit den Lebensmitteln und wanderte demütig in sein verworrenes Leben zurück. Das Obst packte er stets als erstes aus den Beuteln und legte es ordentlich auf seinen Küchentisch, um es zu essen. Beißend moderte schon Säure an einigen Stellen der bunten Früchte. Er schnitt das Faule aus dem Fleisch eines Apfels heraus und verspeiste das gärende Glück menschlicher Solidarität. Hermann Becker überkam die Scham als er daran dachte, dass man ihn an gewissen Tagen versorgen musste, weil er sein Geld für den Schleier des Trinkens vergeudete. Nach der Scham kam die Gewissheit der Einsamkeit. Untrüglich rappelte sich Hermann Becker aus seiner unheilbaren Betäubung zu einem Spaziergang auf. Mit zittrigen Händen, wissend, dass er sich den Blicken der Menschen aussetzen würde schnürte er sich seine alten und schon längst abgetragenen braunen Schuhe zu. Fest saß der Fuß darin. Er kämmte sich das langsam verfilzende Gebüsch auf seinem Kopf zurecht und schloss die Tür hinter sich zu, zweimal drehte er den Schlüssel im Schloss um. Die Fassaden Leipzigs wackelten verhangen vor seinen Augen, die Dächer rochen nach gutem Lebenssinn und er verstand, dass im lokalen Patriarchat neue Gebilde den fortschrittlichen Ton angaben. Ungestüm schritt er über die kleine Brücke an der Martinstraße und versenkte seinen schäbigen Gang im wagen Abfallen der Brücke bedächtig in den Fußweg zum Lene-Voigt-Park hin. Einsam beäugte er die Gestalten, die sich in dem Park auf dem schmalen Streifen Grün drängelten. Der Park gab keineswegs soviel Boden her, aber die Menschheit pocht eben auf das unverfälschte Gefühl der Freiluftbestimmung. Hermann Becker wurde ganz stumm, weil er feststellte, dass er kein Teil dieses Gedränges war, das sich in die Welt traute um erspäht zu werden. Verschlissen wie ein alter Greis stand er nur als schemenhafte Randfigur auf einem abgelegenen Posten den niemand wahrnahm. Er verließ den Park und benutzte den Fußweg der Eilenburger Straße in Richtung Haus des Buches. Vor 10 Jahren war er das letzte Mal diesen Weg gegangen, damals schritt er zur Beerdigung seines ältesten Bruders, der sein Leben noch vor ihm versoffen hatte und irgendwann nicht mehr gegen den hartnäckigen Alkohol ankam. Die Zeremonie fand damals nahezu lautlos statt, von Seelennot war kaum etwas zu empfinden. Die Last wird über die Jahre bleierner und ein ausgesonderter Körper kehrt immer zum Geruch der Geburt zurück, dies wurde Stefan Becker durch den verblichenen Bruder bewusst. Am Grassimuseum angelangt überschritt er die Grenze zur entfernten Wahrnehmung. Die Glaspaläste erhoben sich im fernen Horizont wie die Bruchstücke der Neuzeit. Der Neubau der Paulinerkirche glitzerte in den Augen Gottes Schöpfung. Hermann Becker konnte das ferne Streben nach Vergangenheit nicht verstehen, so wie er sein sicheres Leben in einem verstorbenen Staat vermisste, so vermissten anscheinend auch die Schafe Gottes ihre Kapellen zum Danksagen. Das verschollene Licht der Zeitrechnung denunziert den Menschen seit jeher als Narren der gelebten Erfahrung. Bitterlich muss der Klang der Engelstimmen vernommen worden sein als man ein Stück Gott aus dem Refugium der Erinnerung radierte.
Hermann Becker verkroch sich in den schattigen Gassen seiner zerlumpten Wahrnehmung. Nichts von dem was er gelebt hatte war den Menschen heutzutage noch wichtig, sein Gesicht hatte keinerlei Bedeutung mehr, es war nur noch ein schleierhaftes Antlitz roher Betrunkenheit. Die Gestalt seiner einstigen Stattlichkeit war stimmlos geworden.
Am Abend hockte Hermann Becker an seinem Küchentisch und aß eine Ananas, die er bei der Tafel bekommen hatte. Er fuhr mit dem Messer durch die Frucht und genoss den kalten Sommerwind, der durch ein geöffnetes Fenster in seine Wohnung eindrang. Er bildete sich vertraute Stimmen im Flur des Hauses ein, jedes Wort magischer Illusion verwünschte seinen Geist. Er hatte angefangen zu begreifen, dass sein ehemaliges Leben entschlafen war. Von seiner bedeutungsvollen Geschichte war nur noch ein krüppelhafter Körper zurückgeblieben.
Die Sonne bewegte sich wie eine Wunde hinter den aufgedunsenen Wolken. Die Wende war da. Hermann Becker verlor noch am gleichen Tag seine Arbeit, die er immer unangenehm gründlich ausgeführt hatte. Er war nur noch eine wirkungslose Fuge eines Gebildes, dass nicht mehr da war. In der ersten Zeit war das so genannte sichere Heim für alle beteiligten ein erdrückendes Leben. Hermann Becker bestrafte seine Frau, die ihre Schönheit irgendwann durch seine Herrschaft einbüßte. Jeden Tag trank er und jeden Tag geißelte er genau wie sein alter Vater, der ihn fortgejagt hatte. Am Anfang der Wiedervereinigung verstand Hermann Becker seine Sünden nicht. Er trat immer noch so auf als ob es das Produkt der Denunzierung geben würde. Er strafte die Nachbarn weiter mit seinem groben Blick und hockte gewissenhaft an seinem toten Fenster, um die Angelegenheiten anderer lückenlos zu enträtseln. Seine Frau beobachtete die klaustrophobische Situation mit besorgtem Blick und der Angst ein Monster im Haus zu haben, dessen sie nie habhaft werden konnte. Hermann Becker war zwar entwaffnet aber sein Geist war immer noch feindlich genug und seine Zunge kommandierte immer noch selbstverliebt die spielenden Kinder im Innenhof mit scharfem Ton durch die Gegend. Hermann Becker wollte das Finale nicht erdulden, sein vergangener Staat war ihm heiliger als das Glück in den vier Wänden. Jeder wusste was Hermann Becker für ein Mann gewesen war. Er war einer, der sich für den Schmerz begeistern ließ, einer der Furcht einflößend auf der Straße wandelte und die Kinder fremder Leute nach Hause drosch. Hermann Becker hatte Jahre auf den Klassenfeind gehofft und jetzt haderte seine Seele mit der eigenen Berufung.
Was den Menschen dazu bewegt die knechtende Sicherheit der Selbstbestimmung vorzuziehen weiß bis heute noch niemand genau. Hermann Becker befand sich niemals augenscheinlich vor dem Fall, stets dienstwillig wurde er schleichend wahnsinnig.
Eines Tages fand sich Hermann Becker betrunken am hinteren Ende der Georg-Schumann-Straße wieder. Dort war die DDR noch in solidarischen Fassaden sichtbar. Die benutzten Gebäude kauerten lumpig im blinden Glanz der Großstadt. Die Straße war eine massige Stellung, die alles in der Stadt an Länge übertrumpfte. Hermann Becker beobachtete Fritz Landolf, einen alten Stasimitarbeiter, der sich in etlichen Häusern der Georg-Schumann-Straße als deplazierter Hausmeister verdingte. Er würdigte Hermann Becker nicht eines Blicks, die dreisten hatten es nämlich geschafft die Detonation im Gewölbe des Staates am 9. November zu überleben. Landolf fuhr sich anmaßend durch seine grauen Haare und drehte sich zu einer Frau an der Straßenbahnhaltestelle der Slevogtstraße. Tausende von diesen Schatten waren noch lebenskräftig. Leise strich der Wind über Hermann Beckers Gemüt. Er war verlassen und vergreist im pulsierenden Osten, den so viele junge Menschen als Leinwand für ihre Künste eroberten. Die empfindungsvolle Vertikale in seinem Leben verstarb mit dem aufkeimenden Rascheln des Herbstes. Sein Uhrwerk besaß keinerlei Kraft mehr um Würde zu erleben.

Man entdeckte Hermann Becker nur weil es von draußen gut sichtbar war, von der Decke hängend, die eigentlich nicht hoch genug war, aber dennoch hoch genug um das Leben daran zu verschenken. In seinen Habseligkeiten fand man die Beweisstücke seiner verdrängten Vergangenheit. Hermann Becker hatte sich eine belangreiche Notiz über sich selbst angelegt, darauf stand in exakt ausgewogenen Druckbuchstaben, „Hermann Becker, eine armselige Gestalt bin ich nur noch.“

…und wenn die Kirschen wieder satt am Baum hängen versterben sie in der bühnenmäßigen Beherrschung der Geschichte. Nur der nachsichtige Mensch erhofft sich vom nächsten Tag etwas mehr Licht als an dem davor, denn die Gestalten verwischen schier übereifrig durch den Zug des Vergessens.

... comment