Mittwoch, 27. März 2013
Auf dem Feld
Auf dem Feld

Mein Großvater zerfällt wie ein Baum der seine Blätter durch den Wind des Herbstes verstreut. Lange Jahre hatte ich mich vor dem Wert des Lebens versteckt, hatte mich in die Wellen des Meeres gestürzt um dort in den tiefen der Massen nach einem Sinn zu forschen. Was ist schon Sinn: Unsinn, Sinn, kleine Wörter mit schwerer Bedeutung.
Kein Marschall Tito in Sicht! Brauchst du ihn, gibt’s ihn nicht.
Mein Großvater beobachtet die Panzer auf seinem Feld von der Holzveranda aus. T-72, feiner Stahl. Sie beschießen schon den ganzen Morgen das Moslemische Dorf. Ein paar Soldaten lehnen an der Scheune im Schatten während in dem Moslemischen Dorf gestorben wird. Saubere serbische Söhne!
Das ist Bosnien, Tote Masse. Die Grenzen dieses Landes sind verwässert. Aus allen Teilen der Welt dringen sie hier ein und formen gewaltvollen Zynismus. Nord und Süd, West und Ost, nur nicht in dieser Reihenfolge.
Die nächste Granate verlässt ein erhitztes Rohr. Göttlicher Regen Orthodoxer Heiliger. Die Soldaten zittern, Offizier Dragan duldet keine Fehlschüsse: Daneben: Soldaten ärgern sich. Jede Hülse entsteht in harter Arbeit von sauberen serbischen Müttern. In sauberen Fabriken die sich in Serbien befinden und den Krieg züchten.
Die Soldaten an der Scheune wischen sich den Schweiß von der Stirn, die Sonne klettert ihrem höchsten Punkt entgegen. Einer von ihnen, der Savo heißt blickt in die klaffende Wunde des Himmels während unten in dem Moslemischen Dorf die Kinder in Stücke gerissen werden. Ja der Krieg straft alles und jeden, ob Schuldig oder Unschuldig. Er wälzt durch Gärten und Leben, zerstört mit seiner Kraft jeglichen Verstand.
Worte sind Hüllen, rätselhafte Gebilde entfernter Künstler die den Menschen die Sprache vergegenwärtigten wollen. Sinn und Unsinn!
Jawohl Genossen, der Marschall war unkompliziert. Er sprach und obwohl keiner ein Wort verstand, verstanden alle was gemeint war. Das war Magie!
Mein Großvater kennt das Gesicht des Kriegs zu gut. Der Geruch gefrorener Menschen ist ihm vertraut. Die Welt am Abgrund ist ihm seit Jahren ein guter Freund. Sein Haus hat während der großen Kriege der Welt zweimal gebrannt und dieser letzte Krieg wird es endgültig fressen.
Genossen: Am heutigen Morgen durchflutete der letzte Atem unseren Geliebten Tito. Sogar die Spatzen stellten für einen Moment ihre nervösen Flüge ein und wurden ganz traurig.
Die nächsten Granaten gleiten und pfeifen dabei grell. Vögel kreuzen ihren Weg, beobachten aus der Luft. Ein Haus zerfällt. Die Folterknechte eines Despoten portionieren ihre Opfer vor dem Sturm.
Die Pflaumen meines Großvaters sind satt und hängen träge von den Ästen der Bäume herab. Soldat Slobodan pflückt eine und öffnet die Frucht wie einen Leichnam. Er entnimmt den gelben Kern und verschlingt das süße Fleisch. Soldat Slobodan ist ein guter Spross. Soldat Slobodan geht ein Stück auf das Haus meiner Eltern zu. Das Haus ist unvollendet, vielleicht Tod. Er starrt die aufgeschichteten Roten Backsteine die nach dem Ermauern des Hauses übrig blieben an. Hebt einen von ihnen hoch, wiegt ihn wie ein Stück Schinken und legt ihn wieder auf den Stapel.
Auf dem Balkon ohne Geländer sitzen weitere Soldaten und starren in das entfernte qualmen im Moslemischen Dorf. Die Menschen in dem Dorf glimmen wie nichtige Gegenstände. Ihre Geschichte endet in Bosnien. Einem Land voller Zauber, flüsternder Berge und weinender Flüsse.
Der Krieg ist ein aufmerksamer Dichter. Er spielt mit den Noten und verleiht ihnen einen Klang der annehmbar klingt. Krieg überzeugt jeden. Der Krieg kann wie ein schlafendes Kind ruhen und kurz darauf seine Schreckensgestalt entfachen. Der Mensch wird zum Diener des Kriegs.
Marschall Tito geht über die Romanija. Tote Lieder eines Toten.
Krieg ist der Bruder meines Großvaters. Nicht oft hörte ich ihn darüber sprechen. Über den von der SS erschossenen Vater und den erschossenen Bruder. Über seine Mutter die man unnötig wie eine überflüssige Katze erhängte. Über gefrorene Kartoffeln und das Krieg führen mit drei Patronen.
Eine Granate trifft auf eine Wand, das Dach auf vier Wasser, dahinter zerfällt ein alter Mann.
Bosnien ist Einöde. Bosnien büßt! Dieses Land ist ein dauerhafter Täter der Geschichte. In Bosnien sind Leid und Freude unzertrennlich miteinander verbunden. Zwei Parlamente die unfähig regieren. Keine Argumente, Keine Annäherung, kein Vergeben. Geteiltes Leid ist gemeinsames Leid. Bosnien ist Jugoslawien in klein. Warum läuft Bosnien an der Leine? Ein Land ist kein Hund!
Die Uhren laufen einem Ende entgegen, die erschöpften Panzer ruhen für einen kurzen Moment. Man holt kaltes Wasser aus dem Brunnen meines Großvaters und kühlt den überhitzten Stahl der Panzerkanonen die dabei wie aufgeregte Schlangen zischen.
In dem moslemischen Dorf herrscht Chaos. Man will die Feuerpause nutzen und in die dichten Wälder flüchten. Man wird sich ein paar Tage von dem was der Wald gibt ernähren und dann doch erschossen und Säureübergossen in einem Massengrab verschwinden.
Die Soldaten schlachten das Schwein meines Großvaters, ein ganzer Wintervorrat an Fleisch. Das Vieh brüllt, die klinge ist nicht scharf genug. Es wird mehr gerissen als geschnitten. Und Trotzdem, wo Krieg herrscht ist Volksfest. Die einen Weinen, die anderen feiern.
Mein Großvater weiß genau, dass man auch ihn vertreiben wird. Soviel Barbarei bleibt nicht ungestraft!
Gott vergib ihnen und hohl den Marschall zurück!
Offizier Dragan gibt das Kommando. Es wird wieder geschossen und gejubelt während in dem Dorf ganze Familien verbluten.
Währendessen steht mein Großvater vor einem seiner zahlreichen Walnussbäume und blickt auf die faltige Rinde des Baums.
„Jugoslawien ist Tod“!
Alles verliert sich in dem Meer mit dem der Krieg das Land überschwemmt. Die Vögel hängen in den Ästen und spotten über den Menschen und seinen Wahnsinn. Marschall Tito hatte sogar die Tiere im Griff, so wie er alles andere auch im Griff hatte. Die Farbe seiner Fassade war immer bunt!
Und in Bosnien wird man wieder zu dem Pfad zurückfinden der im Moment unter dem Geröll des Kriegs verborgen schläft. Man wird die Häuser aufbauen und die Menschen anhand ihrer Ethnischen Zugehörigkeit bis zum nächsten Krieg versteinern. Fortschritt ist nicht für Bosnien!
Bosnien du siehst wie eine welke Pflanze aus. Die Musik in deinen Wäldern hört sich nicht mehr wie der Gesang der Partisanen an. Alles gaben sie damit du leben kannst. Marschall Tito und sein Volk, erbauen alles auf kaputten Seelen.
Die Kinder in dem Dorf beten blutüberströmt. Die Eltern hören den Klang des Krieges und die nächste Welle der liebevollen Granaten schwebt bedacht ein.
Tragt mich in die Felder dieser entlegenen Hitze. In der Mitte des Balkans weilt die ewige Demütigung des Menschen. Ich wandere wieder in den Meeren und erblicke meinen Großvater, das Haar weiß wie Schnee. Seine Worte klingen wie die flüsternden Brandungen ruhevoller Gewässer.
Man begrub meinen Großvater weit entfernt von seiner Frau. In der Stadt hat er sich nach der Flucht niemals zurechtgefunden. Die Asphaltierten Wege, die Menschlichen Bewegunkströme, der Lärm, die alltäglichen Frechheiten der wilden Kinder in der Straße und die überfüllten Geschäfte die alles lindern wollen verstörten ihn.
Wie ein Strich ging er im Garten meiner Eltern auf und ab. Das unebene Gewissen des Rasens linderte seinen Barfüßigen Gang. Der Klang der Panzer verbannte sein lächeln auf ewig. Für Stunden saß ich an seinem Sterbebett und wartete. Als seine Augen ihre Farbe verloren, öffnete ich das Fenster für den letzten Flug seiner Seele.
Und Bosnien entpuppt seinen Frieden. Hüte dein Gedächtnis Bosnien. Lass die Tausenden die in deinen Feldern verloren gingen nicht umsonst Tote sein.
Wer hat jetzt Mut um sich aus der Ohmacht der Missachtung zu erheben um zu versöhnen?
Stillstand!

Ist das ein Land das uns angeht. Ist das ein wirkliches Land. Uns geht schon lange nichts mehr an. Wir funktionieren, Tag für Tag. Jeder Schritt bewegt Angst. Jedes Wort beflügelt Abspaltung. Menschen sind Gestalten aus Porzellan, abwartend und drastisch. Humanismus ist schwach!
Flieg Tito!

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