Samstag, 14. Mai 2011
Vom Geist her Mensch

Ich habe mich verändert, sagen mir zumindest die meisten meiner Freunde wenn sie mich einmal zu Gesicht bekommen denn ich gehe nur noch selten vor die Tür. In meinem Geist hallen Geräusche, mal lauter und mal leiser. Vielleicht höre ich nur schlecht seitdem ich nicht mehr Arbeite. Es ist auch denkbar, dass ich zuviel trinke und wenn ich aus dem Haus gehe, mache ich das nur um Alkohol zu kaufen. Die Lebensmittel bringt mir meine Tochter, allerdings lasse ich sie nicht immer in meine Wohnung. Ich stelle mich taub und es fällt mir nicht sonderlich schwer den vergesslichen darzustellen. Obwohl meine Tochter ganz genau weiß das ich da bin, lässt sie mich in frieden, sie gibt mich wohl auf und das soll auch ihr gutes Recht sein.
Was ich einmal war kann ich jetzt nicht mehr sein. Ich bin im Kastensystem der Geistlosigkeit angelangt. Alles hat sich so schnell verändert, man vergisst solche wie mich und übergibt sie froh der Herrschaft der Wände. Ohne Arbeit fehlt der Sinn, der Mensch definiert sich über den Spott des Gehalts.
Was sollte ich nun sein, in einem Dasein für das ich mich nicht reif genug fühle. Rente ist die Gleichschaltung der Gesellschaft, der Geist wird zittrig und die Umgebung bleibt unveränderlich. Ab Renteneintritt weiß der Mensch zu gut, dass es keine weitere Entwicklung mehr gibt. Nur noch der Hohn der Sackgasse ist einem dann sicher. Man wird älter und weil man rein gar nichts im Geiste denkt wird man schleichend tattriger und vor allem schrulliger. Rückt vielleicht täglich die Gläser im Schrank zurecht, trennt sich von Fotos oder trinkt keine Milch mehr. Ich kritzele Gesichter auf die Tapeten meiner Wohnung, zumeist Verwandtschaft, sowohl nahe und ferne, manche waren Tod und andere hatte man erst zur Welt gebracht. Meine Enkel kennen mich nur noch in ihren Erinnerungen und meine Frau lebt bei meiner Tochter. Sie konnte mir nicht standhalten, das Gewitter in meinem Kopf verfügte über ihr Schicksal. Jetzt hat sie nur noch ein Zimmer indem sich all ihr Besitz befindet, ihr gebrochenes Herz ist mir gleich.
Ich trank, trank wirklich viel und verdrängte dadurch meine Seele. Ich wollte mich vollkommen umwandeln und ein anderer sein. Ich schlief häufig auf dem dreckigen Küchentisch ein und wurde am Morgen durch das vom Licht erhitze Glas des Fensters wach, das meinen schmerzenden Kopf überzog. Danach legte ich mich nur in mein Bett und streckte meinen Körper. Irgendwann fing meine Seele damit an mich aufs ärgste zu beschwindeln, ich erblickte vergangene Tage und Jahre, meine Arbeit beim Städtischen Busunternehmen und meine Freizeit, die ich stets als guter Ehemann und Vater mit meiner Familie verbrachte. Tränen entfesselten sich in meinen vom Alkohol erröteten Augen.
Mir fiel alles schwer, ich war ein Greis und durch den Alkohol alterte ich nur noch schneller. Die Falten stauchten mein Gesicht zusammen, meine Augen erschienen dadurch wie die Lichter der Schweine, klein und minderwertig. Meine Knochen schmerzten, weil ich ständig betrunken in der Wohnung stürzte. Ich war allein und genoss die gehässige Stille die ich selbst züchtete. Der Gestank in meiner Wohnung fiel mir nicht sonderlich auf, meine Tochter wies mich gelegentlich darauf hin aber es war mir egal, ich befand mich im auflösen. Die Geister meiner verrotteten Eltern suchten mich mehrfach heim. Ich konnte kaum unterscheiden was der Wirklichkeit entsprach und was sich während meiner gewaltvollen Träume gestaltete. Der Alkohol segnete meinen verzweifelten Wahnsinn. Ich konnte fühlen wie er damit angefangen hatte meinen Körper auszuhöhlen, so das nur noch eine leere Hülle davon übrig bleiben würde. Der Alkohol ist ein gnadenloser Gegner voller Trümpfe und sein schleichendes Leiden kontrollierte mich schon zu weiten Teilen. Meine Seele war nicht mehr autark, sie wurde von dem zähen Schnaps vergiftet und mehr als gewissenhaft zersetzt. Meine Erinnerungen glichen einer eintönigen Brachlandschaft in der nichts von grüner Heiterkeit weilte. Gott hatte mich tatsächlich verlassen. Die Zerstörung meines hinderlichen Gewissens war in vollen Zügen bemerkbar und die Dramaturgie die der Alkohol dabei zu zeichnen weiß ist weitaus bunter als das farbenreichste Bild der Kunstwelt. Meine soliden Angstzustände glichen einer launenhaften Philosophie die in meiner Seele ihren grotesken Ursprung fand. Ich trank Tagelang dagegen an und wollte mich dadurch mit dem Unverständnis des blinden Rauschs unantastbar machen. Immer wieder der Heilige am Kreuz in der Sonne eines entfernten Daseins das mir zu einem Bruder wurde.
Ich schaute aus dem Fenster, ein starker Regen entlud sich auf den Dächern und Straßen der Stadt, Kinder brausten durch die Pfützen und missachteten die Vernunft ihrer Eltern vorsätzlich. Ein griff zum Schnaps, ich wollte meine eigenen Kinder vergessen und im Tumult des skrupellosen Alkohols ertränken. Was war aus mir geworden? Vor Jahren konnte ich die Gipfel meiner Bosnischen Heimat freimütig erklimmen und nun traute ich mich nur noch an die schädlichen Flaschen. Dieser Inhalt der Flasche zieht die Paranoiden Gesinnungen in meinem Geist durch sein beharrliches wachsen auf. Nutzlosigkeit und Verfall umhegen mich jetzt, zerren an mir und wollen beide ein Stück meiner Seele ergattern. Im Alter sprechen die Wände mit einem, man weiß sich nicht mehr zu erwehren und nimmt alles hin.
Der Verlauf meines Fallens nimmt eine theatralische Kurve an, alles wirkt fad, die Welt ergraut genauso wie mein Haar, die Weichen führen ins nichts und eine beeindruckende Dunkelheit zerbricht mich. Nutzlos sind die Gedanken in meinem Kopf, wie in einem Kessel geht es dort zu. Der Wandel des Lebens macht aus mir einen anonymen Menschen, eine Figur, weich gezeichnet und mehr als brüchig im Geist. Ein Wind haucht über die Dächer der Stadt und da würde ich gerne sein, meine Knochen Hochschleppen und auf das lautlose treiben der Straßen blicken.
Der Alkohol greift mit schweren Geschützen an, die Einschläge zertrümmern alles in meiner Seele, das weiß meiner Augen färbt sich rot und trauert dem alten Leben nach. Es brodelt in mir, zwischen Einsamkeit und betrunkener Euphorie wandere ich wie ein unschlüssiges Pendel.
Meine Gedanken führen über wilde Pfade hinweg in meine Vergangenheit. Ich betrachte die ersten Jahre in meinem Gastarbeiterdasein, meine Welt war glücklich, ich hatte eine Frau und zeugte gesunde Kinder. Mit dem Alter wird mir meine Sterblichkeit bewusst. Die Tage verlaufen schnell, greifen mit dem tanzenden Licht an. Ich esse etwas zu Abend und lasse den Vorhang für den Alkohol herunter und er wird mich wie an jedem Tag nehmen und meine Gestalt auf die entfernten Felder meiner glücklichen Tage entführen. Mein Verstand ist ein rotierendes Gebilde, ein Rinnsal das sich zersetzt, alles rieselt in eine unbedeutende Stellung hinab. Alter ist Isolationshaft ohne Ende. Im Innenhof geht ein Licht an und ein Paar umarmt sich warmherzig.
Meine Augen schmerzen und ich lege mich in ein Bett aus Eis. Ich frage mich was das Leben sein will, wohin es einen führt wenn es verstirbt. Ich kann mich als Kind sehen, wandere durch Wälder und streife durch Hüfthohen Weizen. Mein Großvater geht dabei an meiner Seite, zeigt mir sein Land und das was er mit seinen Händen erbaute.
Scheitern oder etwas von Bedeutung darstellen, ich konnte mich noch nie festlegen. Licht erhört alles, man spricht fabelhaft, geht Tagelang am Meer, segnet die Worte der eigenen Kinder und wird zum Geist. Ich muss mich übergeben, die Schüssel ist mit meiner Seele gefüllt, ich spüle das alles in die Umlaufbahn der Kanalisation hinab.
Am Morgen war meine Tochter da, neues Fressen um sich länger zu quälen. Ein Enkel sitzt die ganze Zeit über im Auto, der Opa nur ein wackliger Mann im Irrsinn.
Ich weiß, dass ich heute Abend hängen werde. Ich will mich dramatisch an einen Balken wenden und mich von ihm Liebkosen lassen. Tränen und Missgestaltender Alkohol, ich betrachte eine alte Ikone, Jesus ist darauf zu sehen und ich frage mich ob er mich wohl treffen möchte. Vielleicht kann er mir vergeben, möglicherweise kann er über meine Laster hinwegsehen, so als ob die nicht da wären, so als ob ich stets ein aufrechter Kirchgänger des Sonntags gewesen war. Ich frage mich ob der Mensch nur ein Rohling ist, eine Digitale Endlosspur aus Fleisch und Blut. Wahrscheinlich könnte Gott meinen Rohling variieren, mir die Angst vor dem Alter nehmen und mich neu erschaffen. Außerdem könnte er bei der Gelegenheit gleich mein zu kurzes rechtes Bein intakt setzen und meine Leber zu Stein machen.
Meine Funktionen geraten durcheinander und ich schwebe in einem leeren Raum, die Welt hinter milchigen Fenstern verborgen und meine Träume walzen durch Dünen, meine Mutter hält meine Kindliche Hand, die an einem Erwachsenen Arm baumelt. Ich bin förmlich der Herbst, forme aus Wind und Regen mächtige Gestalten die über das nackte Land jagen. Die Bäume entkleide ich von ihren bunten Kostümen und fege die trockenen Blätter am Boden zusammen. Aus meinem Mund tritt etwas aus, ich esse Blätter im Herbst und verhülle mich in den windfesten Berglein aus knackendem Laub die ich mit meinem sonderbaren Atem anhäufe.
Früher kam mir alles so weich vor, selbst das Licht des Tages fußte mit zurückhaltenden Tönen im Geschehen der Gesellschaft und ich war ein Teil von all dem hektischen treiben dieser Menschlichen Gefüge. Ich stand morgens auf und ging zu meiner Arbeit die mich kontrollierte. Die Angst ist unser Gefühl, sie ist stets präsent, umzingelt uns bei allem, schwebt neben uns und verflüchtigt sich niemals. Ohne Arbeit wirst du fließend zum Graukopf und deine Gehirnzellen zerspringen flink. Du weißt, das du kein Spatz mehr bist der die Dächer schnell einnimmt, du bist ein Greis der seine Familie misshandelt und sich unaufgefordert mit dem herrischen Alkohol anfreundet. Die Ebenen geraten unerwartet durcheinander und es bleibt eine Hölle von Mensch zurück. Du wirst zu einem Tier weil du dich im Alkohol ertrinkst, deine Sicht verschwimmt, deine Kinder werden zu fremden. Ein gewissenhafter Schmerz drückt auf meine Schädeldecke, ich treibe im Meer, tauche mit Walen und Meerjungfrauen, der Alkohol bricht meinen Geist und ich ergebe mich der Angst.
Mein Kopf, in einer reißenden Schlinge, der Balken knackt und ich habe Angst, dass er brechen könnte, aber er hält meinem Gewicht stand, der Strick würgt mich eine weile, Tränen treten dabei aus, ich verschleiere meinen Geist mit der Selbstzucht und man wird mich schnell vergessen, da bin ich mir sicher. Mein Atem gibt auf, das krächzen der Vogelwelt unterm Dach bahnt sich einen leisen Weg in meine noch kurz hörenden Ohren.

... link (0 Kommentare)   ... comment